Das Schicksal des Lüneburger Dragoner-Rittmeisters Kurt Stölting

Manchmal fördert eine Online-Auktion eines alten Fotos eine kleine Geschichte, oftmals eine traurige Geschichte hervor.
Äusserst selten ist auf über 100 Jahre alten Portraitaufnahmen kein weiterer Hinweis auf den Fotografierten vorhanden, lediglich auf das ausführende Fotostudio.
Als ich kürzlich wieder einmal turnusmäßig nach den Fotos von Angehörigen des in Lüneburg von 1866 bis 1919/20 stationierten 2. Hannoverschen Dragoner-Regiments Nr. 16 in Online-Auktionen suchte, fiel mir sofort ein Portrait eines Einjährig-Freiwilligen im besagten Dragoner-Regiment aus dem Jahre 1904 auf. Als ein Glücksfall zu betrachten ist die kleine Widmung auf der Rückseite zu betrachten, die nicht nur den Namen des Dragoners, sondern auch das Jahr der Aufnahme offenbarte. Dieses Foto, aufgenommen im Atelier von Anna Koch in Lüneburg, der Nachfolgerin der Gebrüder Lühr (das Atelier befand sich im Gebäude an den heutigen Brodbänken 5) hatte mein Interesse erweckt. Eine Faszination ging für mich von dem Foto aus. Wer war dieser Kurt Stölting geboren am 2.5. (das Geburtsjahr wird derzeit noch recherchiert) in Berum in Ostfriesland, dessen Widmung auf der Rückseite eindeutig zu lesen ist?
Stölting hatte einen Bruder namens Arthur, der ebenfalls im 2. Hannoverschen Dragoner-Regiment Nr. 16 diente und bereits am 10.07.1916 an der Westfront fiel. Sein letzter Dienstgrad war Oberleutnant der Reserve. die sterblichen Überreste Arthurs ruhen auf dem Soldatenfriedhof Maissemy (Block 3, Grab 987). Und wie der Zufall es so will befindet sind ein Reservistenbild aus dem Jahre 1910 der IV. Eskadron der 16ner Dragoner in meinem Besitz, auf dem Arthur Stölting auf einem Gruppenfoto zu sehen ist. Die IV. Eskadron lag bis 1903 in Uelzen in Garnison.

Aber zurück zu Kurt Stölting:
Einzige noch öffentlich zugängliche Zeugnisse der Existenz Kurt Stöltings finden sich auf der Ehrentafel am Denkmal für die Gefallenen des 2. Hannoverschen Dragoner-Regiments Nr. 16 im Clamartpark, auf der Ehrentafel in der St. Michaeliskirche zu Lüneburg und dem Grabkreuz auf dem deutschen Soldatenfriedhof Nampcel, auf dem Stölting beigesetzt wurde.

Der Friedhof Nampcel wurde im Jahre 1919 von den französischen Militärbehörden zunächst als deutsch-französischer Sammelfriedhof angelegt. 1922 erfolgte die Umbettung der französischen Toten und anschließend die Zusammenbettung deutscher Toter aus mehr als 100 Gemeindebereichen in einem Umkreis von über 35 Kilometern. In diesem Gebiet waren die Gefallenen während der Kämpfe nur provisorisch in Feldgräbern oder auf Gemeindefriedhöfen beigesetzt worden. Nampcel und der Einzugsraum des Friedhofs gehörten zu den Gebieten, die im ersten wie im letzten Kriegsjahr besonders heftig umkämpft wurden. Daher ruhen auf dem Friedhof die Angehörigen von nicht weniger als 69 Infanterie- und 19 Artillerieregimentern, darunter des 1., 3. und 5. preußische Garderegiments zu Fuß. Besonders viele Gefallene gehörten dem Inf.Reg. „Bremen“ (1. Hanseat.) Nr. 75 an, die am 20. und 21. September 1914 bei der Abwehr eines französischen Umfassungsversuches starben, als die deutschen Truppen nach der Marneschlacht und dem Rückzug auf Oise und Aisne versuchten eine neue Front aufzubauen. Dann blieb es in diesem Frontabschnitt, von Gefechten im Juni 1915 abgesehen, bis März 1917 relativ ruhig. Mitte März zogen sich die deutschen Truppen auf die sogenannte „Siegfried-Stellung“ zurück – Nampcel und Umgebung wurden französische Etappe.

Verlustliste der Gefallenen im Juni 1918. Wenige Monate vor Ende des Ersten Weltkrieges ist Kurt Stölting auch Teil dieser Liste geworden …

Die Mehrzahl der hier Bestatteten starb jedoch im Verlauf der großen Schlachten und zahlreichen Gefechte in der Zeit vom Frühjahr bis Herbst 1918, so auch Rittmeister Kurt Stölting. Besonders zu erwähnen sind der deutsche Angriff am 21. März in Richtung Amiens, der deutsche Angriff zwischen Reims und Soissons Ende Mai und der Angriff zwischen Noyon und Soissons am 30. Mai 1918 sowie die alliierte Gegenoffensive, erstmals mit massiver amerikanischer Unterstützung, die am 18. Juli begann und Ende September mit einem verlustreichen Rückzug der deutschen Truppen in diesem Gebiet endete.

Die in Nampcel Ruhenden gehörten Truppenteilen an, deren Heimatgarnisonen in Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien, Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Oldenburg, Westfalen, Württemberg, Bayern, Hessen, Elsaß-Lothringen, im Rheinland sowie den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck lagen.

Eintrag im Militär-Sterbebuch des 2. Hannoverschen
Dragonerrgiments Nr. 16

Letztendlich war es im Kriege egal, aus welchem Land oder Stand der Soldat kam. Arbeiter, Berufssoldaten, Reservisten, Lehrer, Briefträger, Landwirte oder Handwerker, alle verbluteten unter gleichen Qualen in den Schützengräben an Ost- und Westfront. Im Sterben waren alle gleich.
Und was bleibt am Ende von Rittmeister Stölting? Ein Foto in einer Auktion, mit dem ausser einem Sammler niemand etwas anfangen kann. Und ein Eintrag auf einer Gedenktafel in Lüneburg für die Gefallenen der 16ner Dragoner … und zum Schluß ein kaltes Grabkreuz aus Eisen auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Nampcel in der Nähe des geschichtsträchtigen Ortes Compiègne, der am 11. November 1918 in einem Eisenbahnwaggon das Ende des Deutschen Kaiserreiches einleutete und dieses mit dem Versailler Diktat knapp ein Jahr später begrub.

Möglicherweise erfährt dieser Artikel über Rittmeister Kurt Stöltung in der Zukunft ein oder mehrere Updates, da die Recherche noch nicht abgeschlossen ist, sondern erst am Anfang steht.

Andreas Springer
Bad Bevensen, Dezember 2021

www.andreasspringer.de